Montag, 11. Februar 2008

56 Minuten

Als ich nach meinem letzten Eintrag zur Amazon Seite navigierte, fielen mir die Porto- und Versandkosten auf, die sieben mal höher sind als der Preis des eigentlichen Buches (Mein Buch gab es als Occasion-Angebot für 99 Cent). Ausserdem dauerte meine letzte Amazon-Lieferung zwei Wochen lang. Innerhalb von zwei Wochen kann ein Mensch drei Mal mit dem Rauchen aufhören und vier Mal wieder anfangen. Oder jemanden kennenlernen und heiraten, der dann die ganze Sucht finanziert, womit sich die Sache mit dem Aufhören erledigt hätte.
Glücklicherweise stand mein erstes, vollkommen freies Wochenende seit Monaten vor der Tür und ich entschied mich, für eine Nacht Zürich den Rücken zu kehren und der vermeintlich ebenfalls fasnachtsfreien Bundesstadt einen Besuch abzustatten. Als Winterthurer (ja, dies ist ein Outing) musste ich mir in meiner prä-stadtzürcherischen Phase den Fasnachtsumzug über mich ergehen lassen, ob ich wollte oder nicht. Ich hörte und las Sachen über den Basler Morgestraich und jeder, der in den letzten Tagen eine Zeitung aufschlug, wusste auch über eine Fasnacht von Locarno bescheid. Aber Fasnacht in Zürich? Zum Glück nicht. In Bern eben so wenig. Tja, da habe ich mich aber gewaltig geirrt.
In der Annahme, von einer fasnachtsfreien Stadt in die andere zu reisen, um dort ein paar Freunde zu besuchen, machte ich mich am Samstag Abend mit einem Martini bewaffnet inklusive guter - und immer noch rauchfreier - Laune auf den Weg Richtung Westen. Für uns Singles kann eine 56minütige Zugfahrt ziemlich einsam werden. So schwang ich vorher meinen Hintern in den Restseller-Bücherladen im Shopville und kaufte mir auf die ganz traditionelle Art das Buch, das "der einfachste Weg" sein soll, "mit dem Rauchen Schluss zu machen". 56 einsame Minuten Hin- und 56 noch einsamere Minuten Rückfahrt später befand ich mich am Sonntagabend in meiner Allen-Carr-Lektüre auf Seite 88. Heute, 24 Stunden später, bin ich bei Kapitel 20 - "Die bedrohlichen schwarzen Schatten" - auf Seite 89.
Ich denke, ich bin auf gutem Wege, obwohl ich zur Zeit über Leichen gehen würde, um nur einen Zug von meinen Marlboros zu erhaschen. Die Tatsache, dass ich gleichzeitig auf Diät bin, macht es noch schwieriger. Daher kann mein schon Mitte Monat praktisch leeres Bankkonto nur ein Segen sein, denn ohne Geld keine Zigaretten. Und ohne Geld kein Essen. Kein Essen heisst keine Verdauungszigarette, womit sich der Kreis wieder schliesst. Na, wenn das so weiter geht, bin ich spätestens zu Ostern rank und schlank und Ex-Raucher. Vielleicht sollte ich meinen Job kündigen, um den Prozess zu beschleunigen? Kommen wir aber zurück zum eigentlichen Sinn dieses Eintrages.
Auch in Bern hielt ich im Unterbewusstsein natürlich Ausschau nach Romanze-Kandidaten (woho, zwei Coming-Outs in einem Post!). Meiner Meinung nach machen wir Singles das automatisch, ohne etwas davon zu merken. Wir betreten einen Raum, scannen jeden Winkel und prägen uns das potenzielle Fleisch ein. Wer den Film "Predator" aus seiner Jugend noch kennt, weiss, wovon ich spreche. Unser ganzes Single-Leben lang sind wir eigentlich unbewusst auf der Suche nach Etwas und Jemandem. In dieser Hinsicht funktioniert Bern nicht anders als Zürich, obwohl kaum aus dem Zug gestiegen grausame Guggenmusik ertönte.
Klar, es gibt Nächte, an denen man einfach Spass mit Freunden haben will, und den auch hat. Aber tief in uns drin hoffen wir trotzdem auf irgendeine "magische" Begegnung. Auch wenn wir ganz einfach einen Abend vor dem Fernseher verbringen, halten wir in unserem Unterbewusstsein Ausschau nach "Fleisch". Der Sprung vom Unterbewussten ins Bewusste findet in dem Moment statt, in dem uns das Fleisch unter die Augen tritt. Ich wende hier den Begriff Fleisch ganz bewusst an, denn in den ersten Sekunden, in denen man seinen Kandidaten entdeckt, ist er nur Fleisch. Erst nachdem man etwas mehr, als nur das Äussere kennenlernt, verschwindet diese Fleischhülle (aber nur grösstenteils) und darunter befindet sich tatsächlich eine Person. Aus Fleisch und Blut. Und Persönlichkeit. Aber so weit kommt es leider zu selten.
Wozu aber die ganze Suche? Warum müssen wir unbedingt jemanden haben, um uns vollkommen zu fühlen? Warum gibt es Menschen, die sich bei "Wer wird Millionär - Blind Date Special" (kein Witz, ich habe es heute Abend in der Glotze verfolgt) - oder noch schlimmer: "SwissDate" - vor der ganzen Nation zum Trottel machen, nur weil da eine kitzekleine Möglichkeit besteht, ihr Single-Dasein zu beenden? Setzen wir doch lieber unserer "Selbstversklavung" ein Ende! Es ist natürlich kein Zufall, dass auch Allen Carr in "Endlich Nichtraucher!" das Phänomän der Selbstversklavung beschreibt. Denn manchmal kommt mir die - egal ob bewusste oder unbewusste - Suche nach etwas, wovon wir gar nicht wissen, wie es ist, wenn es mal wirklich funktionieren sollte, vor wie die Zigarettensucht. Die Angst, die den Raucher packt, wenn er sich fragt, ob sein Päckchen auch wirklich für den ganzen Abend reicht, lässt sich äusserst gut mit der Angst vergleichen, die wir Singles haben, wenn wir daran denken, heute Abend nach dem Ausgang wieder alleine nach Hause gehen zu müssen. Es ist wie ein Schatten, der über uns wacht. Uns wird seit der Kindheit eine Gehirnwäsche mit Hilfe von Werbung, Filmen, Liebesliedern und anderen Elementen der populären Kultur verpasst, die uns lehrt, dass wir erst dann erwachsen, glücklich und vollkommen sind, wenn wir uns das Leben mit jemandem teilen und nicht einsam sterben. Bullshit! Wir brauchen keine "zweite Hälfte" zu suchen, weil wir schon alle Teile besitzen. Wir müssen endlich vom Gedanken wegkommen, dass wir ohne Die- oder Denjenigen nur halb vollkommen sind. Stellen wir uns einfach vor, wir seien als Alleinstehende (der negative Beigeschmack dieses grässlichen Wortes beweist schon, dass die Gehirnwäsche funktioniert) schon ein Ganzes. Und ein zweites Ganzes würde unser Leben wahrscheinlich etwas verschönern. Denn zwei Ganze ist besser als ein Ganzes. Aber wir brauchen das zweite Ganze nicht, um uns zu entfalten und vollkommen fühlen zu können. Betrachten wir es einfach als einen Bonus.
Ein kleiner Tipp von mir an alle Singles dieser Welt: Geht raus und geniesst das Leben! Geniesst den Moment, denkt an all das positive, dass euch widerfährt. Verschwendet keinen Gedanken daran, was ihr nicht habt. Blendet mal das, was ihr für negativ haltet, ganz aus und habt Spass an eurem Leben.

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