Es ist Samstag Abend und ich bin jetzt gerade daran, das zu machen, was ich jeden Samstag Abend bis zum Morgengrauen am Sonntag mache: Arbeiten. Glücklicherweise ist es dieses Wochenende alles andere als stressig, weswegen ich euch zur Zeitüberbrückung mit der folgenden kleinen Geschichte bereichern möchte.
Die Geschehnisse, die ich euch heute Abend schildern werde, fanden genau an diesem Ort statt - bei der Arbeit. Für all die, die es nicht wissen: Ich arbeite nachts in einem Hotel und manchmal begegnen mir hier an der Réception mal mehr und mal weniger interessante Menschen.
Ich bin keine Person, die sich schnell verliebt. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich kaum daran erinnern, wann ich das letzte Mal so richtig verliebt war. Naja, vielleicht doch. Vielleicht verdränge ich es einfach. Manchmal wird man auch wieder daran erinnert. Jedenfalls ist es eine Weile her. Egal. Im folgenden Fall traf das Gegenteil ein.
Es geschah vor einigen Monaten kurz vor 11 Uhr an einem Samstag Abend. Die Arbeitskollegin vom Spätdienst und ich befanden uns hinter dem Frontdesk mitten in der Übergabe. Als ich das Geräusch des Aufzuges hörte, das ich immer höre, wenn er bei uns im Erdgeschoss andockt, erwartete ich irgendeinen Gast, der wieder einmal was von mir will. Ein zusätzliches Kissen, ein Toothbrush-Set, ein Bier. Doch als der Gast, den ich zuvor noch nie bei uns gesehen hatte, den Aufzug verliess und ich meinen Kopf nach ihm drehte, schien für einen Moment die Zeit stillzustehen. In Slow-Motion kam er auf mich zu. Sein schwarzes, gewelltes Haar und der hellbraune Blazer tanzten harmonisch zum Takt der erfrischenden Winterbrise, die durch das offene Bürofenster in die Hotellobby eindrang. Je näher er auf mich zukam, desto mehr verschlug es mir den Atem. Ich verlor mich in seinen tiefen, schwarzen Augen. Sein perfektes Lächeln haute mich um. Er war nicht einmal so unglaublich gutaussehend, wie gewisse andere Kandidaten, mit denen ich 5-minütige Romanzen durchlebt hatte und auf die ich heute Abend lieber nicht zu sprechen komme. Es war das Vollpaket. Diese umwerfende, und trotzdem etwas schüchterne Ausstrahlung. Mittlerweile kam er bei uns an, seine sinnlichen Lippen bewegten sich und im süss-unschuldigen American-English ertönte ein "Can you please tell me if there's an open pharmacy here?". Die Arbeitskollegin ignorierend versuchte ich ihm beizubringen, wie er am schnellsten zur Apotheke im Hauptbahnhof kommt. Als ortskundiger Hotelmitarbeiter sollte ich doch keine Mühe damit haben. Denkste. Der arme Ami war nach meinen idiotischen Ausführungen noch verwirrter als zuvor. Dafür konnte ich ihm ein kleines Lächeln entziehen. Ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle geheiratet. Nach fünf Minuten verschwand er wieder im Aufzug mit einem "See you later!"
Ich wusste nicht, in welchem Zimmer er logierte, und somit war mir auch sein Name unbekannt. Wäre ja peinlich gewesen, hätte ich seine Frage mit einem "Which room are you from?" erwidert. Eine sehr prekäre Lage. Ich wusste aber, dass er am nächsten Morgen auscheckte, da die Kollegin ihn - als unser Moment vorbei war - danach fragte. "Heute Abend oder nie", dachte ich mir. Ich hielt es nicht für notwendig, mich über seine Zimmernummer zu informieren, da er ja sowieso bald wieder herunterkommen würde. Er tat es nicht.
Während der ganzen Nacht hoffte ich so fest, ihn wieder zu sehen. Oder wenigstens beim Checkout am Morgen. Ich fantasierte von dramatischen Abschiedsszenen, in denen ich ihm theatralisch nachrenne um seinen Rückflug zu verhindern. Er war meine Whitney Houston, ich sein Bodyguard. Ich schwöre auf meine ganze Mariah-CD-Kollektion - ich hätte es gemacht. Nicht einmal meine memmenhafte Schüchternheit hätte mich davon abhalten können. War aber nix. Er hat weder vor meinem Feierabend (bzw -morgen) ausgecheckt, noch hat er verlängert. Das einzige, was in dieser Nacht von mir ausgecheckt wurde, war er.
Er ward nie wieder gesehen.
Vielleicht sollte ich mich wieder bei Facebook anmelden um beim Gruppenklauen ganz zufällig über ein Profil zu stolpern, dessen Bild mir irgendwie bekannt vorkommt?




1 Kommentar:
Kitschig ist, wenn ich diesen Artikel lese und im Radio, in besagtem Hotel, das Lied von Whitney Houston "I will always love you" läuft.
:-)
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