Ein weiteres Mal stieg ich an diesem Sonntagabend um 22:34 in den 62er - vormals auch bekannt unter dem Namen "The Bus of Love" (aus welchen Gründen auch immer) -, der mich zur Arbeit transportierte. Dieses routinierte Prozedere, das ich an fast jedem Wochenende des letzten Jahres über mich habe ergehen lassen, fühlte sich heute Abend jedoch etwas anders an. Nein, die VBZ war dieses Mal kein Austragungsort einer Fleischbeschau. Es lag auch nicht an der verschneiten Strasse oder dem rutschigen Fahrstil des Chauffeurs. Denn heute Nacht ist die Nacht, in der eine Ära zu Ende geht. Heute Nacht absolviere ich nämlich meine Schlussaufführung als Nachtportier.
Nie mehr Zimmerverkauf an lettische Prostituierte inklusive Zuhälter, nie mehr verdutzte Gäste, die total perplex auf die Frage reagieren, wann denn genau sie ihren Weckruf haben möchten, nie mehr Flammeninfernos, nie mehr Feierabend um 7 Uhr morgens oder gar Dates im Chefbüro.
Doch diese letzte einsame Nacht in der Hotellobby scheint nicht so dunkel wie die vorherigen dank der Erhellung durch diesen wunderschönen Schneesturm. Solang ich keinen Fuss mit meinen Turnschuhen darauf setzen muss, finde ich diese weisse Pracht ziemlich bezaubernd. Zebrasteifen, Tramschienen, Strassen, Fusspfade lösen sich auf in ein Hauch von Nichts und alles Sichtbare ist eine riesige weisse Fläche. Die Wege, die man gehen muss, sind aufs Mal nicht mehr vorgegeben. Was man spürt, ist ein Stückchen Freiheit und Grenzenlosigkeit. Man wählt sich nun seinen Pfad selber und geht auch möglicherweise neue Wege, rein in die neue Welt, die durch den Schneefall eine Art Reinigungsprozess durchlaufen hat.
Wie ihr seht, kann ein solcher Wetterumbruch in der letzten Arbeitsnacht nachdenklich machen. Geht jedoch eine Tür zu, wird zugleich eine neue Tür geöffnet.
Mit diesem Beitrag beuge ich mich nun vor, sage "Tschüss", bedanke mich bei meinem bisherigen Superteam für die lustige und lehhrreiche Zeit und stürze mich rein ins neue Berufsleben, rein ins neue Abenteuer (oder wie in meinem Fall zwei davon), rein ins neue Leben, in dem die einsamen Nächte seltener werden...




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